Wie Hunde fressen (Teil 2)

Wie Hunde fressen (Teil 2) – Beutefangverhalten erklärt

Im ersten Teil der Reihe haben wir uns damit beschäftigt, warum ein Hund überhaupt frisst und wie sich seine Nahrung zusammen setzt. Dafür haben wir einen Blick auf das Gebiss geworfen und uns ein paar grundsätzliche Gedanken darüber gemacht, was es eigentlich bedeutet, dass der Hund vom Wolf abstammt und was im Zuge der Domestizierung eigentlich passiert ist. In diesem Teil möchte ich einmal gezielt auf das Beutefangverhalten des Hundes (bzw. des Wolfs) eingehen, denn aus diesem Funktionskreis entstammen viele Qualitäten, die in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten gezielt selektiert, also ‘herausgezüchtet’ wurden.

Das Beutefangverhalten spielt generell bei Hunden eine große Rolle, führt es doch nicht selten auch dazu, dass Hunde vermeintliche Unarten an den Tag legen, die oftmals gar keine Unarten sind, sondern einfach gezielt in die Rassen hineingezüchtet wurden, die der Mensch sich aussucht. Probleme entstehen an dieser Stelle dann, wenn sich der Mensch nicht bewusst ist, für welche Rasse er sich eigentlich beim Hundekauf entscheidet und welche Fähigkeiten, aber auch Bedürfnisse diese spezielle Rasse mit sich bringt. ich möchte aber betonen, dass es sich hier nicht um ein “Rassebashing” handeln soll; im Gegenteil: Ich bin der festen Überzeugung, dass es für jeden Menschen in jeder Lebenssituation geeignete Hunde gibt – man muss sich halt nur möglichst vor dem Hundekauf schon bewusst damit beschäftigen, was man selbst leisten kann und will und welche Ansprüche man an den zukünftigen Hund hat. Und andersherum natürlich auch, welche Ansprüche die gewünschte Rasse an die Haltung stellt. Aber zu diesem Thema schreibe ich vielleicht mal einen extra Artikel.

Da es sich bei Hundeverhalten um nichts anderes als angepasstes Wolfsverhalten handelt, werde ich hier und da darauf Bezug nehmen.

Alles, was mit Fressen zu tun hat, also auch die Nahrungsbeschaffung gehört zum Funktionskreis des Nahrungserwerbes. Doch was braucht es eigentlich, damit der Hund/Wolf etwas zwischen die Zähne bekommt? Wie sind die einzelnen Schritte zwischen dem Aufspüren der Beute und dem letztendlichen Fressverhalten?

Beutefangverhalten in 4 Schritten

Grob gesagt setzt sich das Beutefangverhalten aus diesen 4 Schritten zusammen:

-> Die Beute muss aufgespürt bzw. gefunden werden
-> Die Beute muss gejagt/gehetzt werden
-> Die Beute muss getötet werden
-> Die Beute muss gefressen werden

So ist das zumindest beim Wolf. Beim Hund ist es damit heute nicht mehr allzu weit her, die meisten Hunde sind durch Zucht und Selektion nicht mehr in der Lage, diese Schritte in der Gänze durchzuführen und eine Jagd erfolgreich abzuschließen. (Ja, mir ist durchaus bewusst, dass immer noch zu viele Wildtiere ihr Ende durch “wildernde” Hunde finden, das hat allerdings nicht immer was mit den Schritten der funktionalen Jagd zu tun, viele Tiere werden zu Tode gehetzt oder nur durch Zufall aufgespürt, auch ein effektives – also schnelles Töten ist für viele Hunde nicht machbar, man denke nur an die vielen Kurzschnauzen, die sich gar nicht so gut festbeißen können, wie das beispielsweise ein Hund mit normal geformter Schnauze kann).

Darüber hinaus wurden viele Hunderassen über Generationen hinweg dahingehend selektiert, dass sie nur noch bestimmte Teile des Jagdverhaltens zeigen. Ein typisches Beispiel sind die Hütehunde, die durchaus jagdliches Verhalten  (z.B. fixierendes Laufen, Nachlaufen, geducktes Laufen und Rennen und Pendeln) zeigen, um die gehütete Herde nach dem Wunsch des Hirten zu lenken. Allerdings legt der Hirte eher wenig Wert darauf, dass auch der darauf folgende Teil, nämlich das Töten und Fressen der Schafe (die ja nichts anderes sind, als Beute, wie wir ja oft in den Medien lesen dürfen) ausgeführt wird.

Aber wenn wir uns mal das gesamte Beutefangverhalten von vorn bis hinten anschauen, würde eine funktionale Jagd wie folgt ablaufen:

Hund oder Wolf zeigen suchendes Verhalten. Dabei ist übrigens ein Beuteschema erkennbar. Das bedeutet, dass der Hund/Wolf sich auf eine Beuteart “spezialisiert”. Die Spezialisierung erfolgt unter anderem durch Lernerfahrung. Hat ein einzelner Wolf sein Glück einmal erfolglos an einem Elchbullen versucht und einen Tritt kassiert, wird er dieses Beutetier in Zukunft meiden, sofern sich nichts an der Grundkonstellation ändert, wenn also zum einen ausreichend alternative Nahrungsquellen (Beutetiere) da sind und er weiterhin allein bleibt. Hat der Hund/Wolf nun also eine Spur aufgenommen, die zu seinem Beuteschema passt, folgt er dieser Spur und verringert so nach und nach den Abstand zur Beute. Das Jagen bzw. Hetzen beginnt der Wolf erst auf eine relativ geringe Distanz, denn es handelt sich bei diesen Tieren nicht um Langstreckenläufer und sie wären ihrer Beute gnadenlos unterlegen. Durch Selektion hat man aber bestimmte Hunderassen herangezüchtet, die gezielt auf längere Strecken das Jagdverhalten mit dem Hetzen der Beute ausführen, das betrifft zum Beispiel insbesondere Windhunde (man denke nur an die Hunderennen, bei denen Hunde einer mechanischen Beuteattrappe über eine lange Strecke nachjagen).

Hat sich der Wolf also nahe genug an seine Beute herangeschlichen (lt. Feddersen-Petersen ist das bei 30 Metern der Fall), geht er vom Aufspüren ins Jagen/Hetzen über. Der Wolf möchte lieber große Tiere erlegen, denn kleine Beutetiere, wie Kaninchen und Mäuse decken kaum den Energiebedarf, den die Jagd nach diesen erfordert. Große Beutetiere werden lieber in der Gruppe gejagt, weil das vieles einfacher macht und die Erfolgschancen steigert. Auch bei Hunden sieht man ein sich gegenseitig verstärkendes Jagdverhalten, wenn man sie in einer Gruppe führt. Da lässt sich dann selbst der ruhigste Hund von den anderen anstecken, wenn diese beginnen, einem Reh hinterherzulaufen. Jagen die Tiere große Beutetiere suchen sie sich meist geschwächte oder verletzte Tiere. Sind die Tiere in einer Gruppe, einem Rudel oder einer Herde unterwegs, versuchen die Wölfe das oder die schwächsten Tiere von der Gruppe abzusondern. Ist das Beutetier gestellt, wird es gepackt, ggf. zu Fall gebracht und getötet. Bei kleineren Beutetieren kann man häufig auch einen Genickbiss und (insbesondere bei Mäusen) ein Totschütteln beobachten. Das Totschütteln wiederum können wir auch super beobachten, wenn Hunde ihr Spielzeug wild schütteln.

Ist das Beutetier tot, erfolgt das Fressen der Beute. Während kleine Beutetiere entweder im Ganzen geschluckt oder im hinteren Maulbereich durch die Molaren zerteilt und anschließend geschluckt werden, ist bei größeren Beutetieren mehr zu tun. Hund/Wolf stemmen die Vorderpfoten gegen das Beutetier und öffnen die Beute, anschließend kommen alle Zahnarten zum Einsatz:

Die Eckzähne graben sich tief in die Beute und halten diese beim Herausreißen fest; die Molaren und Prämolaren zerteilen feste Strukturen und mit den Schneidezähnen werden zum Beispiel die Knochen abgenagt. All das kann man übrigens auch beobachten, wenn man seinem Hund mal einen (Kau-)Knochen gibt.

Besonders in der Gruppe neigen Hunde/Wölfe dazu, sich so schnell wie möglich so viel wie möglich Futter einzuverleiben. Zum einen weiß man schließlich nie, wann es die nächste erfolgreiche Jagd gibt; zum anderen will man natürlich keine Fressfeinde anlocken und wenn ein Wolfsrudel gerade Welpen zu versorgen hat, wollen auch diese noch etwas vom (hochgewürgten) Futterbrei abhaben. Übriggebliebene Beutereste werden nicht selten auch als Nahrungsreserve vergraben.

Nachdem wir nun die Grundsätze der Hundeernährung und des Beutefangverhaltens betrachtet haben, können wir uns im nächsten Teil einmal damit beschäftigen, welche Ernährungsformen es gibt und ob es die EINE RICHTIGE Form gibt, seine Hunde zu ernähren.

Hast du Fragen oder Anregungen zu meinem Artikel? Hinterlass mir gern ein Kommentar.

 

Geschrieben von: Tierservice Fehmarn

16. Dezember 2020

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